Im Umbruch: Berlins Presse nach 1945

Eingestellter Zeitungstitel: "Der Abend". Foto: Ulrich Horb
Eingestellter Zeitungstitel: „Der Abend“. Foto: Ulrich Horb

zur Fotogalerie Berliner Zeitungen. Nach 1945 war das alte Berliner Zeitungsviertel rund um die Kochstraße zwischen Mitte und Kreuzberg weitgehend von Bomben zerstört. Die Druckmaschinen lagen unter Schutt und Steinen. Einige wurden Anfang Mai  1945 freigelegt und notdürftig repariert.   Zeitungspapier hatte die russische Armee beschlagnahmt. Mit der von der Sowjetarmee herausgegebenen „Täglichen Rundschau“ erschien am 15. Mai 1945 in Berlin die erste Tageszeitung, die Redakteure im großen Redaktionsgebäude am Friedrichshain trugen meist Uniformen, auch die aus Moskau heimgekehrten Deutschen. Druck- und Büromaterial wurde aus dem Verlag des „Völkischen Beobachters“ herbeigeschafft. Als dort die Druckmaschinen wieder in Gang gebracht wurden, wurde die Zeitung auf das größere Format des früheren NSDAP-Kampfblatts umgestellt. Die „Tägliche Rundschau“ veröffentlichte u.a. die Befehle des sowjetischen Stadtkommandanten Generaloberst Bersarin. Alle früheren Verleger wurden von der sowjetischen Militärverwaltung enteignet.

Am 12. Juni 1945 erschien bereits die erste Ausgabe der „Deutschen Volkszeitung“, Organ der gerade als Partei zugelassenen KPD. Der neukonstituierte Zentralausschuss der SPD beantragte am 17. Juni die Lizenz für die Herausgabe einer sozialdemokratischen Tageszeitung. Drei Tage später erfolgte die Genehmigung, es dauerte aber noch bis zum 7. Juli, ehe die erste Ausgabe tatsächlich erscheinen konnte. Bis dahin gab es Nachrichten nur über den von der Roten Armee kontrollierten Rundfunk in der Masurenallee, sofern noch Radiogeräte vorhanden waren, sowie über die „Tägliche Rundschau“ der Roten Armee und die „Berliner Zeitung“, die am 21. Mai 1945 zunächst als Heeresgruppenzeitung der Roten Armee erschien und einen Monat später dann in die Hand des KPD-dominierten Magistrats überging. Diese beiden Zeitungen wurden anfangs noch kostenlos verteilt, mit dem Erscheinen der „Deutschen Volkszeitung“ wurden sie verkauft.

7. Juli 1945: erste Ausgabe der SPD-Zeitung „Das Volk“ mit dem Gründungsaufruf der SPD. Foto: Ulrich Horb

Der Traditionstitel „Vorwärts“ der SPD wurde zunächst nicht wieder belebt, da keine reichsweite Zeitung genehmigt wurde. Die ehemaligen Vorwärts-Redakteure plädierten deshalb  für den Titel ,Das Volk‘. Erich Gniffke,   Max Fechner und Otto Grotewohl, die zu den Wiederbegründern der SPD in Berlin gehörten, wurden mit je 10.000 Reichsmark Einlage treuhänderisch für die Partei Gesellschafter der Parteizeitung.   Als Chefredakteur wurde Otto Meier bestätigt, von 1921 bis 1933 SPD-Abgeordneter im Preußischen Landtag. „Das Volk“ erschien – anders als die Deutsche Volkszeitung – im kleineren Berliner Format mit vier Seiten Umfang, bot also etwas weniger Raum für Text. Papier- und Druckkontingente wurden von der Sowjetischen Militäradministration zugeteilt.  Die Auflage lag, die Angaben variieren darüber, zwischen 50.000 und 100.000 Exemplaren. Letzteres war auch die Auflage der KPD-Zeitung. Da die ehemaligen Zentren der Papierherstellung in der sowjetischen Zone lagen, änderte sich bei der Papierzuteilung auch mit dem Einzug der West-Alliierten nichts. Als weitere Parteizeitungen in der sowjetischen Zone erschienen ab 22. Juli 1945 die „Neue Zeit“ der CDU und ab 3. August „Der Morgen“ der LDPD.

Auch in den westlichen Besatzungszonen wurden Zeitungen lizenziert. Am 2. August kam die erste Ausgabe des „Berliner“ heraus, einer Zeitung  der britischen Besatzungsmacht, die  nun dienstags, donnerstags und sonnabends erschien.  Im Tempelhofer Ullsteinhaus wurde am 8. August 1945 die erste Ausgabe der „Allgemeinen Zeitung“ gedruckt,  verantwortet  von der amerikanischen Besatzungsmacht. Sie wurde wenige Wochen später zugunsten einer unabhängigen Zeitung eingestellt: Am 27. September 1945 erschien, gegründet von Erik Reger, Walther Karsch, Heinrich von Schweinichen und Edwin Redslob unter amerikanischer Lizenz erstmals der „Tagesspiegel“. Im französischen Sektor kam ab 12. November 1945 der „Kurier“ heraus.

Die Berliner Presse geriet schnell in den Sog des Ost-West-Konflikts. Während in den Zeitungen der sowjetischen Besatzungszone und auch im SPD-eigenen „Volk“ der Druck auf ein Zusammengehen von SPD und KPD wuchs, erhielten im  unabhängigen „Tagesspiegel“ Sozialdemokraten Raum, die gegen eine Zwangsvereinigung und für eine Urabstimmung sind. Es war die erste große politische Auseinandersetzung der Nachkriegszeit.

Zeitung der Berliner SPD 1946: "Sozialdemokrat". Foto: Ulrich Horb
Zeitung der Berliner SPD 1946: „Sozialdemokrat“. Foto: Ulrich Horb

Mit dem „Sozialdemokrat“ gründete die Berliner SPD 1946 eine neue Tageszeitung als Ersatz für das „Volk“, das zusammen mit der KPD-Parteizeitung im SED-Blatt „Neues Deutschland“ aufgegangen war. Der Sozialdemokrat Arno Scholz erhielt zudem im März 1946 die Lizenz für die journalistisch unabhängige Tageszeitung „Telegraf“, die ab 23. März zunächst dreimal in der Woche im Umfang von sechs Seiten erschien. Da sie offen über die aktuellen politischen Konflikte informierte, stieg die Auflage schon ab der Ausgabe 18  von 200.00 Exemplaren auf 250.000 Exemplare. Im November 1946 hatte der „Telegraf“ eine Auflage  von 550.000 Exemplaren. In Spandau wurde im März 1946 Erich Lezinsky Lizenzträger des „Volksblatts“. Er war vor 1933 letzter SPD-Spitzenkandidat in Spandau. Aus dem Verbund der SPD-Zeitungen zog er  sich allerdings schnell wieder zurück.

Berlin-Blockade und zunehmender „Kalter Krieg“ wirkten sich direkt auf den Zeitungsmarkt aus. Die im Westteil zugelassenen Zeitungen verloren ihre Verkaufsmöglichkeiten im Ostteil und damit massiv an Auflage. Allein der SPD-nahe „Telegraf“ hatte 1946 rund ein Drittel seiner Auflage von 400.000 Exemplaren in die sowjetische Besatzungszone verkauft.  In der DDR  verschwanden die wenigen privaten Zeitungen Anfang der fünfziger Jahre vom Markt, es blieben die SED-Zeitungen und die Zeitungen von Organisationen wie der FDJ und des Gewerkschaftsbundes FDGB.

Zeitungstitel "Berliner Morgenpost". Foto: Ulrich Horb
Zeitungstitel „Berliner Morgenpost“. Foto: Ulrich Horb

Im Westteil der Stadt gab Rudolf Ullstein im September 1952 wieder die „Berliner Morgenpost“ heraus, deren Tradition bis ins Jahr 1898 zurückreichte. Damals hatte sie der  Papiergroßhändler Leopold Ullstein gegründet, der das „Neue Berliner Tagblatt“ und die dazugehörige Druckerei erwarb und 1877 den Ullstein-Verlag etablierte. Der von Rudolf Ullstein wiederbegründete Ullstein-Verlag geriet in den fünfziger Jahren in finanzielle Schwierigkeiten, die durch eine 26prozentige Beteiligung des Verlegers Axel Springer überwunden wurden. 1959 übernahm Springer die Mehrheit.an der Ullstein AG. Mit der „Berliner Morgenpost“, der Boulevard-Zeitung „BZ“ und der Berliner Ausgabe der „Bild“-Zeitung verfügte Springer in den siebziger und achtziger Jahren über eine marktbeherrschende Stellung, die konservative Ausrichtung der Zeitungen machte sie  Ende der sechziger Jahren zum Ziel von Protestaktionen der Studenten. Der Rückgang der Auflagenzahlen führte 2006 zu einer Zusammenlegung der Redaktionen der „Berliner Morgenpost“ und der bundesweit erscheinenden Tageszeitung „Die Welt“ und der „Welt am Sonntag“. Seit 2014 gehört die „Berliner Morgenpost“ zur Funke-Mediengruppe. 

Eingestellte Tageszeitung "Der Telegraf" - letzte Ausgabe. Foto: Ulrich Horb
Eingestellte Tageszeitung „Der Telegraf“ – letzte Ausgabe. Foto: Ulrich Horb

Die West-Berliner Presselandschaft ist nicht arm an Pleiten. Anfang 1967 stellte der CDU-nahe „Kurier“ sein Erscheinen ein, 1972 folgten die SPD-nahen Zeitungen „Nachtdepesche“ und „Telegraf“. Auflagenverluste und ein starker Anzeigenrückgang hatten dazu geführt, zumal der Leserkreis der beiden SPD-nahen Zeitungen überaltert war. Springers Boulevardblatt „BZ“ war damals mit einer Auflage von über 300.000 Exemplaren immerhin genauso stark wie die Nicht-Springer-Konkurrenten zusammen: „Tagesspiegel“, „Abend“, „Telegraf“, „Nachtdepesche und „Spandauer Volksblatt“ mussten in Marktnischen ums Überleben kämpfen.

"Berliner Extradienst". Foto: Ulrich Horb
„Berliner Extradienst“. Foto: Ulrich Horb

Erste Ansätze zu einer Zeitungsneugründung gab es zur Zeit der Studentenbewegung von 1968. „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein wollte eine liberale Tageszeitung in der Stadt etablieren, machte dann aber aus Angst um die finanziellen Folgen einen Rückzieher. Übrig blieb davon der „Berliner Extra-Dienst“, aus dem am 1. Februar 1979 die Tageszeitung „Die Neue“ entstand. Der Schwerpunkt ihrer Berichterstattung blieb Berlin, der Leserkreis allerdings war eingegrenzt auf politisch aktive Gewerkschafter und linke Sozialdemokraten. Auch mit ihren zwei Seiten Lokalberichterstattung, die ein Jahr später ins Blatt genommen wurden, gelang es nicht, eine Alternative zu den anderen Morgenzeitungen zu werden. Die Berichterstattung war häufig nicht aktuell genug.

"Die Neue": Nullnummern. Foto: Ulrich Horb
„Die Neue“: Nullnummern. Foto: Ulrich Horb

Die „Neue“ hatte so gut wie kein Anzeigenaufkommen, sie war vielen Lesern nicht spannend genug gemacht, nicht lesbar und vollständig genug. Anfang 1982 erfolgte aus finanziellen Gründen die Umwandlung in eine Wochenzeitung,  Mit der Ausgabe Nr. 43 vom 29. Oktober 1982 erschien die letzte „Neue“. Im Nachhinein wurde festgestellt, dass mit  Carl Guggomos und Walter Barthel gleich zwei leitende Redakteure der kleinen Zeitschrift inoffizielle Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit waren.

Die alternative „Tageszeitung“, zur gleichen Zeit wie die „Neue“ auf dem Berliner Markt und gleichfalls mit zwei Seiten Lokalteil ausgestattet, konnte genauso wenig umfassend über Berliner Ereignisse berichten. Immerhin, in der „Blütezeit“ der Hausbesetzungen war sie für viele Außenstehende Hauptinformationsquelle über Ansichten und Meinungen der neuen „Jugendbewegung“.

Anfangsjahre der "Tageszeitung". Foto: Ulrich Horb
Anfangsjahre der „Tageszeitung“. Foto: Ulrich Horb

Mit dem Abflauen der Bewegung ließ auch dieses Interesse nach, spürbar an einer stagnierenden Auflage, die 1983 bei 30.000 Exemplaren lag. Mit ihrem Preis von 1,20 konnte sie ohnehin nie mit den anderen morgendlichen Verkaufszeitungen mithalten, die es für 50 Pfennig am Kiosk gibt. Nur an einem Tag gelang ihr das: Montags, wenn außer ihr nur noch „BZ“ und „Bild“ erschienen, die „Morgenpost“, der „Tagesspiegel“ und das liberale „Volksblatt“ aber Ruhetag hatten, was sich erst mit den Veränderungen auf dem Berliner Zeitungsmarkt nach 1989 änderte. Ab 1. Oktober 1983 erschien die „Tageszeitung“ (taz) auch mit einer Wochenendausgabe, ein Versuch, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten offensiv anzugehen.  Die taz hat sich über die Jahrzehnte – auch dank ihrer genossenschaftlichen Trägerschaft – zum festen Bestandteil der bundesdeutschen Presselandschaft entwickelt und viel Anerkennung erfahren. Sie konnte in ein neues Redaktionsgebäude investieren, stellt sich aber auch dem digitalen Wandel. Im „Szenario 2022“ ist für die taz auch ein Verzicht auf die gedruckte tägliche Ausgabe denkbar. Nur am Wochenende könnte es noch eine taz auf Papier geben.

Die liberal-bürgerliche Öffentlichkeit  bediente lange Jahre die Mittagszeitung „Der Abend“, Der „Abend“ erschien als Tageszeitung in Berlin erstmals am 10. Oktober 1946, wenige Tage vor der Berliner Wahl. Die Lizenz hatte die amerikanische Militärverwaltung den Geschäftsführern Hans Sonnenfeld und Maximilian Müller-Jabusch erteilt. Die anfängliche Auflage von 100.000 Exemplaren wurde mangels Papier bald auf 60.000 reduziert, stieg dann aber an und lag in den sechziger Jahren wieder bei 100.000 Exemplaren. 1953 entstand in Zusammenarbeit mit dem „Tagesspiegel“ die Mercator-Druckerei. 1978 verkaufte Sonnenfeld den Verlag an den Frankfurter Unternehmer Carl Eberhard Press. Die Auflage sank in den achtziger Jahren auf 44.000 Exemplare. 1980 verkaufte Press das Blatt an den Berliner Teppichhändler Hossein Sabet, der den „Abend“ im September 1980 auf morgendliches Erscheinen umstellte. Das  neue Redaktionskonzept hatte auch zu inhaltlichen Verbesserungen der Boulevard-Zeitung geführt. Engagierte Reportagen über Minderheiten waren ebenso zu finden wie kritische Berichte über politische und soziale Missstände, ein ausgiebiger Sportteil genauso wie Interviews mit Gesprächspartnern, die in den Blättern des Springer-Verlags wenig Raum erhielten.  Am 23. Januar 1981 erschien die letzte Ausgabe   mit der Schlagzeile „Auf Wiedersehen“.  

In die Pleite hatte dabei auch der Streit mit dem „Tagesspiegel“-Verleger Franz Karl Maier geführt, dem gemeinsam mit dem „Abend“ die Mercator-Druckerei gehörte. Mangelnde Liquidität vor der Übernahme des „Abend“ durch Sabet und das kostspielige neue Redaktionskonzept führten dazu, dass die Zeitung ihre Druckrechnungen nicht sofort begleichen konnte. Darauf allerdings bestand der Mercator-Geschäftsführer Franz Karl Maier. Der „Abend“ musste Konkurs anmelden. In der Folge meldete Sabet auch für seine Teppichhandlung Konkurs an.

Die Leserschaft des alten „Abend“ war von da an Ziel zahlreicher Spekulationen. Zwar dehnte sich wenige Tage nach Einsteilung des „Abend“ das „Spandauer Volksblatt“ auf ganz Berlin aus, erreichte allerdings nur eine geringe Auflagensteigerung. Andere Leser wechselten notgedrungen zur „BZ“ und zu „Morgenpost“ und „Tagesspiegel“.

"Volksblatt" - letzte Ausgabe als Tageszeitung. Foto: Ulrich Horb
„Volksblatt“ – letzte Ausgabe als Tageszeitung. Foto: Ulrich Horb

 Das „Spandauer Volksblatt“ benannte sich in „Volksblatt Berlin“ um, erweiterte seinen Lokalteil erheblich und entwickelte sich immer mehr zur einzigen liberalen Zeitung der Stadt – ohne allerdings die wirtschaftlichen Möglichkeiten seiner Konkurrenten auch nur annähernd zu erreichen. Es zahlte die geringsten Honorare, beschäftigte stets zahlreiche Praktikanten, die im Status eines „festen freien Mitarbeiters“ Termine für das „Volksblatt“ wahrnahmen, um Einblick in den Zeitungsbetrieb zu bekommen. Dadurch berichtete es zwar engagiert, jedoch nicht immer so gründlich und umfassend, wie es dem „Tagesspiegel“ aufgrund seiner wirtschaftlichen Situation möglich war. Das Anzeigenaufkommen, das für das „Volksblatt“ interessant gewesen wäre, konzentrierte sich fast vollständig auf Springers „BZ“.

Das„Volksblatt“ war zudem keine reine Boulevard-Zeitung, hatte aus seiner Tradition als bürgerliches Blatt für den relativ eigenständigen Bezirk Spandau zwar eine gefälligere Aufmachung als der von Text überfließende „Tagesspiegel“, gleichzeitig aber auch längere Hintergrundberichte und Reportagen, meist aus Agenturmaterial. Eine stärker boulevardmäßig orientierte Zeitung, so rechneten sich verschiedene Interessentengruppen aus, könnte vor allem im Markt von  „Morgenpost“ und „BZ“ wildern. Das „Volksblatt“ hingegen stellte sich immer mehr auch als Alternative für enttäuschte „Tagesspiegel“-Leser dar.

Der „Tagesspiegel“ nämlich hatte sich Anfang der achtziger Jahren, maßgeblich von Eingriffen seines Verlegers Franz Karl Maier bestimmt, zu einem konservativen Blatt entwickelt, das zudem in einem ständigen Konflikt mit Gewerkschaftsgruppen lag, vor allem auch im eigenen Haus. Nach der Kündigung zahlreicher Mitglieder der Deutschen Journalisten-Union (dju) in der IG Druck und Papier, denen Störung des Betriebsfriedens vorgeworfen wurde, führte das Lokalressort des „Tagesspiegel“ einen Kleinkrieg mit dem Berliner dju-Vorsitzenden Volker Skierka, Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“. Ihm wurde in mehreren Berichten mangelhafte Sorgfalt bei seiner Berichterstattung vorgeworfen.“    

Chancen, auf dem Boulevardmarkt ein neues Blatt zu starten, hatte sich 1982 Jahr schon eine Gruppe ausgerechnet, die zwei Nullnummern eines „Morgen“ produzierte. „Heute gibt ein Zeitungskonzern 80 Prozent der Berliner Zeitungen heraus, dafür steht Berlin in der Zahl der gelesenen Zeitungen pro Haushalt zwischenzeitlich auch am Schluss der deutschen Großstädte. Und dabei waren die Berliner bekanntermaßen die leidenschaftlichsten und unersättlichsten Zeitungsleser der Welt“, schrieb die Redaktion in der ersten Ausgabe des „Morgen“. Mit 20.000 Exemplare Startauflage sollte, finanziert durch Werbung, Verkauf und freiwillige Mitarbeit, die „Abend“-Nachfolge angetreten werden. Das Konzept allerdings war genauso wie die Gruppe, die sich zusammengefunden hatte, wenig homogen. Während die einen eine eher alternative Zeitung machen wollten, wollte ein anderer Teil der Mitarbeiter ein professionell gemachtes Blatt herausbringen.

Zeitungsprojekt "Der Morgen" 1982. Foto: Ulrich Horb
Zeitungsprojekt „Der Morgen“ 1982. Foto: Ulrich Horb

Entsprechend konfus sahen die ersten beiden Ausgaben aus. Einer der damaligen Mitarbeiter: „Wirkliche Zeitungserfahrung hatte niemand, nur einer hatte mal bei einer Zeitung in Westdeutschland irgendwo auf dem Lande mitgemacht. Die Idee, ohne Hierarchie und feste Verantwortlichkeit zunächst auch nur alle vier Wochen ein Zeitung heraus zu bringen musste daher scheitern.“  

Am 2. Mai 1983 startete als neuer Gründungsversuch   die „Berliner Allgemeine“. Sie sollte künftig jeden Montag erscheinen, in einer Zwitterstellung als aktuelle Tageszeitung für den Montag und Wochenzeitung mit Fernsehprogramm. Die „Zeitungslücke“ am Montag sollte mit einem guten Sportteil gefüllt werden, dazu wollte man in der „Abend“-Tradition liberale und engagierte Berichte, Interviews und Reportagen bringen, die Interessen von sozial Benachteiligten vertreten, kurzum ein flottes und spritziges Boulevard-Blatt machen. Die Redaktion war klein, bestand aber aus erfahrenen Journalisten, die zum Teil die „Abend“-Pleite am eigenen Leib miterlebt hatten. Redaktionsleiter Winrich Frosch etwa war beim Sabet-“Abend“ Ressortleiter Politik, auch die Verantwortlichen für Feuilleton und Lokalteil waren früher beim „Abend“.

Die Geldgeber Wannenmacher und Schmidt, ein Rechtsanwalt und ein Steuerberater aus dem Bundesgebiet und dort bereits länger im Geschäft mit Anzeigenblättern engagiert, gaben sich öffentlichkeitsscheu. Offiziell verkündet wurde nur, das Geld reiche bis zum Jahresende, dann sollte sich die Zeitung selbst tragen.  Die beiden Verleger hatten im Bezirk Kreuzberg, keine anderthalb Kilometer von Springers Hochhaustrakt entfernt, die kleine, kränkelnde „Neue Kreuz Druckerei“ erworben. Erste Planungen sahen auch in Berlin die Produktion eines Anzeigenblattes vor. In erster Linie sollten damit die Druckmaschinen der Druckerei ausgelastet werden. Erst im Verlauf der Planungen entschied man sich, größer einzusteigen, eine richtige Zeitung zu produzieren. Geschäftsführer der Zeitung wurden der „Abend“-erfahrene Manfred Büttner und der Neue-Kreuz-Druck-Geschäftsführer Volker Peisker.   Jede Ausgabe  kostete 40.000 Mark, brachte aber nur 10.000 Mark ein. Anzeigenkunden waren  zwar zu gewinnen – auch aus dem Milieu der „Dominas“ und „elegante Privatmodelle“ – , die großen Kunden aber vor allem rissen durch mangelnde Zahlungsmoral ein tiefes Loch in die Kasse.  Im Juli 1983 stellte die „Allgemeine“ ihr Erscheinen wieder ein, zunächst, um im „Sommerloch“ nicht weitere Verluste einzufahren. Weigehend leer gingen dabei die freien Mitarbeiter aus. Der Verlag selber bezifferte seine Schulden auf über 137.000 Mark. Als Fehler macht die Geschäftsführung die mangelnde Werbung für die Zeitung aus.  Mit einem Kioskpreis von einer Mark lag die „Allgemeine“ im oberen Bereich. Die „Neue“ hatte ihre Einstellung damals auch mit der Sozialstruktur ihrer Leser begründet, denen angesichts von Sozialabbau und Arbeitslosigkeit kein Geld mehr für die Zeitung blieb.

Zu einem größeren Umbruch auf dem Berliner Zeitungsmarkt kam es mit den Umbrüchen in der DDR und der deutschen Einheit. Zu den ersten Opfern des schärfer werdenden Konzentrationsprozesses auf dem Berliner Zeitungsmarkt gehörte das traditionsreiche „Volksblatt“ aus dem Bezirk Spandau. Die Familie Lezinsky, auf der Suche nach potenten Geldgebern für dringend notwendige Investitionen, fand in Berlin im Haus Springer offene Ohren. Aber die 24,9-Prozent-Beteiligung kostete das „Volksblatt“, obwohl die Redaktion ihre Unabhängigkeit betonte, seinen Ruf als liberales Blatt; die Abonnentenschar begann zu bröckeln. Ein Verfahren des Kartellamtes gegen den Einstieg des Springer-Verlages, der bis 1989 fast 80 Prozent des Berliner Zeitungsmarkts beherrschte, verlief nur durch die veränderten Marktbedingungen nach dem Fall der Mauer ergebnislos. Doch zeigte der Springer-Verlag keine Neigung, die steigenden Verluste des „Volksblatts“ auszugleichen, Ende Februar 1992 wurde die Tageszeitung in eine Wochenzeitung umgewandelt, wenige Wochen später wurde die Wochenzeitung zum kostenlosen Anzeigenblatt.

Aufgeben musste neben der umstrittenen Neugründung „Super“ auch Gruner & Jahrs „Kurier am Abend“ als Mittagszeitung, die aus der ehemals im Ostteil verbreiteten „BZ am Abend“ hervorgegangen war. Schließen musste auch das „Landblatt“, das von der Umstrukturierung der Landwirtschaft in den neuen Bundesländern getroffen wurde und im Westen keine Leser fand. 1991 wurde die „Tribüne“ eingestellt, das 1947 gegründete Zentralorgan des DDR-Gewerkschaftsbundes FDGB, das fünf Mal in der Woche erschien. Ihre Abonnentenkartei wurde von der „Neuen Zeit“ gekauft.

Anders als der Springer-Verlag, der das von ihm übernommene Objekt „Der Morgen“, die Zeitung der DDR-Liberalen, überraschend schnell aufgab, bewies der Verlag der „Frankfurter Allgemeinen“ bei der „Neuen Zeit“  mehr Stehvermögen – trotz einer geschätzten Auflage von nur noch 20.000 Exemplaren 1993, von denen rund 40 Prozent in Berlin verkauft werden. Anfang Mai 1993 gab es für zunächst 42 Mitarbeiter, darunter 14 Redakteure, die Kündigung. Das journalistisch gut gemachte überregionale Blatt lohnte sich kaum noch, das bessere Geschäft hatte der Verlag mit dem Erwerb der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam gemacht, die als Lokalzeitung in ihrem Verbreitungsgebiet nahezu unangefochten war.

In schwieriges Fahrwasser geriet  auch der renommierte „Tagesspiegel“. Schon vor der Maueröffnung war beim   „Tagesspiegel“ der Bau einer neuen Druckerei in Angriff genommen worden. Es war wohl die Hoffnung auf Druckaufträge aus Westdeutschland, auf eine mögliche Kooperation mit der „Süddeutschen Zeitung“, die den Verlag beflügelte. Die „Tagesspiegel“-Herausgeber versuchten den Einstieg in die – damals – neuen Medien, starteten im Kabelfernsehen ein Videotextprogramm, beteiligten sich – zusammen mit Radio Schleswig-Holstein – am Nachrichtensender „Inforadio 101“. Verlagsintern wurden sogar Pläne für eine bundesweite Sonntagsausgabe geschmiedet. Nach der Wende wurde klar: Der „Tagesspiegel“ hatte sich bei all dem übernommen. Der Videotext-Versuch wurde eingestellt, auch aus dem kostspieligen Nachrichtensender zog sich der „Tagesspiegel“   wieder zurück. Zudem misslang dem „Tagesspiegel“, wie allen aus dem Westteil kommenden Zeitungen, zunächst der Versuch, in nennenswerter Zahl Leser in den östlichen Stadtbezirken und in Brandenburg zu gewinnen, trotz des Aufbaus einer eigenen Lokalredaktion in Potsdam. Die erhofften Druckaufträge blieben aus, und auf dem Gesamtberliner Zeitungsmarkt geriet der „Tagesspiegel“ rasch unter Druck. Ein Verlust von 23 Millionen Mark, so schätzte die IG Medien in einem Mitteilungsblatt, wurde 1992 eingefahren. Letztlich rettete nur zunächst der 51prozentige Einstieg der Holtzbrinck-Gruppe das Blatt.   Inzwischen ist die DvH Medien mit 80 Prozent am Tagesspiegel beteiligt, 20 Prozent hält Sebastian Turner.

Mit der Zunahme kostenfreier digitaler Angebote, mit neuen Lesegewohnheiten, einer veränderten Mediennutzung und dem teilweisen Wegfall   des Anzeigengeschäfts gerieten die Berliner Zeitungen in eine weitere Krise. Inzwischen ist der Springer-Verlag nur noch mit den Boulevardblättern BZ und Bild in der Stadt vertreten, die „Welt“ hat ihren Berliner Lokalteil aufgegeben, die „Berliner Morgenpost“ gehört zur Funke-Mediengruppe und die „Berliner Zeitung“ wurde 2019 an ein Verlegerehepaar verkauft.

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