13. Juni 1990: Als der Abbruch der Mauer startete

Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße. Foto: Ulrich Horb
Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße.  Foto: Ulrich Horb

Zum Fotoalbum. Es war ein schleichender Abbau. Mit der Öffnung der Grenzübergänge zwischen Ost- und West-Berlin am 9. November 1989 hatte die Mauer – oder der antifaschistische Schutzwall, wie die SED-Sprachregelung lautete – ihre Funktion und ihren Schrecken verloren. Tausende erkletterten die Mauerkrone, Hunderttausende machten sich in den folgenden Wochen daran, die Mauer auf der westlichen Seite mit Hammer und Meißel Stück für Stück abzutragen: die „Mauerspechte“.

Was anfangs für etliche der Beteiligten noch eine Art politisches Manifest war, wurde schnell zum Massenphänomen.  Möglichst bunte, kleine Mauersplitter waren die Beute. Manche Mauerspechte machten sich professionell ans Werk und verkauften die Stücke, teils auch mit selbstgemachten Echtheitszertifikaten. Zusammen mit anderen Erinnerungstücken an die sich auflösende DDR,  Münzen und Orden, FDJ- und SED-Abzeichen, Mützen und Uniformen der Nationalen Volksarmee (NVA), vielen Rubel-Gedenkmünzen, die von  sowjetischen Soldaten verkauft  wurden, lagen sie auf den Tapeziertischen der Händler. Touristen griffen begeistert zu: Andenken an ein historisches Ereignis, das sie ganz aus der Nähe beobachten konnten.

Was da auf West-Berliner Seite in kleinen Stückchen weggetragen wurde, war Eigentum der DDR.  Künstler, die Ende November 1989 einige Mauersegmente am Potsdamer Platz farbenfroh gestalteten, bekamen das zu spüren: Ihr Werk wurde noch am selben Tag übertüncht, denn für den zuständigen Oberstleutnant  der Grenztruppen stand fest, dass „Anfassen und Anmalen eigentlich eine Gesetzwidrigkeit“ darstellte.

Abgebauter Wachturm an der Grenze zu Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb
Abgebauter Wachturm an der Grenze zu Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb

Die wenigen vorhandenen Grenzübergänge an der Rudower Chaussee, der Heinrich-Heine-Straße, der Oberbaumbrücke, der Chausseestraße , der Invalidenstraße und der den Alliierten vorbehaltene Kontrollpunkt Checkpoint Charlie konnten den Besucherandrang nicht bewältigen. Neue zusätzliche Grenzübergänge in der rund 44 Kilometer langen Mauer zwischen den beiden Stadthälften entstanden schon ab 10. November 1989,  etwa an der Eberswalder Straße, an der Puschkinallee, am Potsdamer Platz oder am 22. Dezember am Brandenburger Tor. Immer wieder wurden dafür Mauerteile entfernt. West-Berlin und das Umland trennte eine weitere rund 112 Kilometer lange Grenze. Auch hier wurden neue Übergänge eingerichtet.

Am 27. Dezember 1989 wurde von der Modrow-Regierung der vollständige Abbau der Mauer bekanntgegeben. Mit der Vermarktung der weltweit nachgefragten Mauersegmente wurde die DDR-Außenhandelfirma Limex-Bau Export-Import  beauftragt. Ab Mitte Januar begann sie zunächst die rund 70 Segmente anzubieten, die für die neuen Grenzübergänge entfernt wurden. Für einige Mauerstück wurden bis zu 500.000 Dollar erzielt, andere gingen als Geschenk in alle Welt.

Mauer in Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb
Mauer in Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb

Am symbolträchtigen Abschnitt zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor wurden die Mauerteile ab 19. Februar 1990 von DDR-Grenztruppen auf einer Länge von etwa zwei Kilometern entfernt und durch einen Maschendrahtzaun ersetzt. Am 23. März wurde an der Lindenstraße ein Übergang geschaffen, am 7. April an der Brunnenstraße zwischen Wedding und Mitte.

Auf Ost-Berliner Seite gehörten ein teilweise über hundert Meter breiter Grenzstreifen und eine Hinterlandmauer zur Grenzbefestigung.  Mehr als 200 Wachtürme umgaben im Abstand von etwa 250 Metern den Westteil der Stadt. Seit November 1989 wurden die elektronischen Signalanlagen, Drähte, die bei Berührung Alarm in den Wachtürmen ausgelöst hatten, abgebaut und Gräben zugeschüttet.

Nach der DDR-Volkskammerwahl gab die im April 1990 neu ins Amt gekommene CDU-SPD-Koalition  unter Ministerpräsident Lothar de Maizière das Tempo vor. „Noch in den nächsten Monaten wird dieses menschenunwürdige Schandmal abgerissen“, so  de Maizière in seiner Regierungserklärung. Das entsprach wohl der Mehrheitsmeinung in beiden Teilen der Stadt. Vorschläge,  größere Teile der Mauer unter Denkmalschutz zu stellen, wurden als Zumutung empfunden. Immerhin wurden an der Bernauer Straße und an der Niederkirchner Straße Mauersegmente erhalten, auch ein Teil der von Künstlern gestalteten Hinterlandmauer an der Spree, die Eastside-Gallery in Friedrichshain, steht unter Denkmalschutz.

Der vollständige Abbau der Mauer startete am 13. Juni 1990 an der Bernauer- und Ackerstraße zwischen Mitte und Wedding. Die Bernauer Straße, an der sich heute die Gedenkstätte zur Berliner Mauer befindet, war 1961 zum Symbol der Teilung geworden, als sich Bewohner aus den auf Ost-Berliner Seite gelegenen Wohnhäusern auf den West-Berliner Bürgersteig abseilten.

In Berlin organisierte der „Magi-Senat“ mit den beiden sozialdemokratischen Bürgermeistern  Walter Momper (West) und Tino Schwierzina (Ost) die Wiederherstellung der Straßenverbindungen zwischen den Stadthälften.

Ein Großteil der rund 45.000 Mauersegmente, jedes 3,60 Meter hoch und 1,20 Meter breit, sowie die meisten Wachtürme wurden an der Pankower Brehmestraße zerkleinert und zu Baumaterial verarbeitet. Jedes Element wog 2.759 Kilo. Der Mauersplitt liegt heute unter Straßen- , Parkplatz- und Autobahnbelägen, bis 1993 dauerte das Zerkleinerungswerk. Einst hatte jedes Mauersegment die DDR rund 830 Mark gekostet, für die vier Meter lange Rohrauflage aus Asbestbeton  waren weitere knapp 170 Mark fällig.

Am 3. Oktober 1990 war der Großteil der Mauer verschwunden, offiziell beendet wurde der Mauerabbruch im November 1990.

Zum Fotoalbum „Berliner Mauer 1989/1990“.

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