Friedrichsfelde und die Gedenkstätte der Sozialisten

Gedenkstätte der Sozialisten Friedrchsfelde, Foto: Ulrich Horb
Gedenkstätte der Sozialisten Friedrichsfelde. Foto: Ulrich Horb

Zum Fotoalbum. Gut sichtbar steht vor der Gedenkstätte der Sozialisten noch die halbhohe Mauer aus Ziegelsteinen.  Hinter ihr hatte sich jedes Jahr das greise Politbüro der SED versammelt, in der Mitte Erich Honecker, den rechten Arm hoch erhoben, die Faust  geballt. Im Hintergrund, auf Fotos gut sichtbar, der Stein mit der Aufschrift „Die Toten mahnen uns“.  Davor: die vorbeiziehenden Massen. Das Politbüro gibt es nicht mehr. Und nicht mehr vorhanden ist auch die unterirdische Warmluftheizung, die dem Politbüro hinter der Mauer die Füße gewärmt hatte.

Aber der Friedhof hat nicht nur eine DDR-Vergangenheit. 1880 hatte der Magistrat von Berlin in Friedrichsfelde ein Grundstück für einen Berliner Gemeindefriedhof   erworben, damals vor den Toren Berlins, 1000 mal 250 Meter groß. In der rasch wachsenden Stadt boten die innerstädtischen, fast ausschließlich kirchlichen Friedhöfe nicht mehr genug Raum, die beiden städtischen Armenfriedhöfe wurden 1878 und 1881 geschlossen. Am 21. Mai 1881 wurde der „Städtische Gemeindefriedhof für Berlin“ eingeweiht – offen für alle sozialen Schichten und für alle Konfessionen. Armenbegräbnisse, bezahlt von der Stadt Berlin, waren hier bis 1911 möglich.

Hermann Mächtig, der in Potsdam für Peter Joseph Lenné gearbeitet hatte, war seit 1878 Berliner Stadtgartendirektor. Er übernahm er die Gestaltung des neuen Friedhofs. Einige Veröffentlichungen nennen zudem den Gartenarchitekten Gustav Ferdinand Axel Fintelmann, der später Königlicher Gartenbaudirektor in Berlin und Potsdam wurde. Gestalterisches Vorbild war der 1877 eröffnete Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, der Welt größter Parkfriedhof und bis heute Hamburgs  größte Grünanlage.

Mächtig, der zuvor schon an der Planung des Treptower Parks beteiligt war und später den Viktoriapark in Kreuzberg gestaltete, gelang in Friedrichsfelde eine Anlage, die nicht nur den Raum für die Trauer bot, sondern auch der Erholung und Entspannung dienen konnte. Der Schriftsteller und Verleger Julius Rodenberg beschreibt den Eindruck in seinem Buch „Bilder aus dem Berliner Leben“:  „Tritt man durch eine der angelehnten Türen, so ist man aus der Sandwüste, die Berlin umgibt, wie in einen Garten versetzt, mit Bosquets (Gehölzen, Anm. d. V.) und Ruhebänken und weiten Wiesenflächen. Vor einer Stunde noch mitten in dem dichten Gewühl von Berlin, umgibt uns hier Einsamkeit und vollkommene Stille, Blumenduft und der Geruch des frischen Grüns.“

In den ersten drei Jahren fanden 2782 mittellose Bürgerinnen und Bürger in Friedrichsfelde die letzte Ruhe, an bezahlten Grabstellen gab es nur 18. 1885 wurden bereits 11.000  Armengräber gezählt. Elf Jahre nach der Eröffnung waren drei Viertel des Friedhofs belegt. Urnengräber gab es noch nicht. Die Feuerbestattung kam unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung erst langsam auf, von den Kirchen anfangs vehement bekämpft. 1892 setzte sich auch der Magistrat Berlins für die Einführung der Feuerbestattung in Preußen ein. Es dauerte allerdings noch zwanzig Jahre bis zur Umsetzung und der Errichtung des ersten Krematoriums im Wedding.

Auch wohlhabendere Berlinerinnen und Berliner wählten inzwischen Friedrichsfelde als letzte Ruhestätte. Als Wilhelm Liebknecht, einer der Mitbegründer der Sozialdemokratie, am 7. August 1900 in Charlottenburg mit 74 Jahren nach einem Gehirnschlag verstarb,  begleiteten  120.000 bis 150.000 Menschen die Beisetzung in Friedrichsfelde, Hunderttausende säumten die Straßen, durch die der Trauerzug zog. Viele führende Sozialdemokraten und Gewerkschafter fanden in den folgenden Jahren ihre letzte Ruhestätte in der Nähe Liebknechts. Friedrichsfelde wurde zum Friedhof der Sozialisten.

Hier lagen Ignaz Auer (gest. 10. April 1907), der lange die Parteiorganisation leitete, die Frauenrechtlerin Emma Ihrer (gest. 8.1.1911), der SPD-Vorsitzende Paul Singer (gest. 31.1.1911).  Viele fochten zu Lebzeiten mit- und gegeneinander um die richtige Linie, sie waren Marxisten oder Reformisten.  So stritt etwa Ignaz Auer heftig mit dem Gewerkschafter Carl Legien (gest. 26.12.1920), der die Gewerkschaften auf einen mehr parteiunabhängigen Kurs führte.  Andere standen bei der Bewilligung der Kriegskredite im 1. Weltkrieg auf unterschiedlichen Seiten, waren Mitbegründer der USPD. Einige gingen den Weg zur KPD, andere, die die Orientierung an der Sowjetunion und der Leninschen Parteidiktatur nicht mittragen konnten, kehrten zur SPD zurück.

32 Opfer des Spartakusaufstandes  vom Januar 1919 wurden am 25. Januar 1919 in Friedrichsfelde in einem abgelegenen Teil beigesetzt. Unter ihnen war Karl Liebknecht.   Später kamen weitere Grabstätten hinzu. Für Rosa Luxemburg, deren Leichnam von Mitgliedern der Garde-Kavallerie-Schützen-Division in den Landwehrkanal geworfen worden war, war zunächst ein leerer Sarg beigesetzt worden, erst am 13. Juni konnte die eigentliche Beisetzung erfolgen.

Der Architekt Mies van der Rohe entwarf auf Bitten des Kulturmäzens und KPD-Mitglieds Eduard Fuchs ein Revolutionsdenkmal, das an die Opfer der Jahre 1919 und 1920 erinnerte und am 13. Juni 1926  eingeweiht wurde.  Finanziert wurde es aus Spenden. Es bestand aus großen vorspringenden und zurückgesetzten Betonblöcken, verkleidet mit Ziegelsteinen, ein großer Stern mit Hammer und Sichel war auf der rechten Seite angebracht. Bis 1933 gab es jährliche Aufmärsche und Gedenkveranstaltungen an diesem Mahnmal. Schon Ende Februar 1933 schändeten Nazis das Denkmal, 1935 wurde es bis auf die Grundmauern abgetragen, Gräber wurden eingeebnet. Ein Wiederaufbau des Denkmals erfolgte nach dem Ende des 2. Weltkriegs nicht. Allerdings gab es sogar in West-Berlin Ende der sechziger Jahre eine Initiative, das  Denkmal in Tiergarten wieder zu errichten, es fehlte aber das Geld ebenso wie die Zustimmung Mies van der Rohes. Seit 1983 erinnert eine Gedenkstele am alten Standort an die Zerstörung durch die Nazis.

Grabstätte von Käthe Kollwitz. Foto: Ulrich Horb
Grabstätte von Käthe Kollwitz. Foto: Ulrich Horb

Friedrichsfelde ist auch die Ruhestätte  zahlreicher Künstlerinnen und Künstler, von Schriftstellerinnen und Schriftstellern.  Hier finden sich die Gräber von Käthe Kollwitz oder Otto Nagel, des Schauspielers Eduard von Winterstein, der in der Grabstätte seiner Familie von Wangenheim beigesetzt ist. Der 1912 verstorbene Berliner Oberbürgermeister Martin Kirschner hat eine Ehrengrabstätte, der Verleger Julius Rodenberg wurde hier beigesetzt, aber auch der Schöpfer der Anlage Hermann Mächtig.  Der Rundweg über den Friedhof ist ein Blick in die Berliner Kulturgeschichte.

In den Kriegsjahren bis 1945 fanden zahlreiche Beisetzungen in Friedrichsfelde statt, wobei auch auf ältere Grabanlagen nicht immer Rücksicht genommen wurde.  1947 wurde der Friedhof durch den Zukauf von 7 Hektar noch einmal erweitert. In der Nachkriegszeit wurde zugleich das Gedenken an die Wegbereiter der Arbeiterbewegung wieder zum Thema. In Friedrichsfelde sollten das Revolutionsdenkmal erneut errichtet und die Gräber der Sozialisten in einen würdigen Zustand versetzt werden. Der Magistrat fasste im Dezember 1945 entsprechende Beschlüsse, aber es fehlten Mittel und Möglichkeiten. Zum Jubiläumsjahr wurde zunächst der Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain instand gesetzt.

Teils unter erheblichem Zwang wurde in der DDR und Ost-Berlin die Vereinigung der SPD mit der KPD zur SED vollzogen. In Berlin ging nur ein Teil der SPD-Mitglieder diesen Weg mit, SPD und SED bestanden aufgrund alliierten Rechts nebeneinander weiter.  Der Parteivorstand der SED schlug 1946 vor, die Gräber der frühen Sozialisten und der Opfer der Jahre 1919 in einem Bereich zusammenzulegen. In der zunächst noch einheitlichen Berliner Stadtverwaltung war es  der Sozialdemokrat Ernst Reuter, der das Projekt in Angriff nahm. Die Anlage sollte im Eingangsbereich erfolgen, während das Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe auf der entgegengesetzten Seite des Friedhofs gelegen hatte.

Die Spaltung der Stadtverwaltung führte dazu, dass der erfolgreiche Wettbewerbsentwurf nicht ausgeführt wurde. Wilhelm Pieck, 1935 im Exil zum KPD-Vorsitzenden gewählt und gemeinsam mit Otto Grotewohl ab 1946  Vorsitzender der SED, setzte einen neuen Entwurf durch, den die Architekten Hans Mucke und Richard Jenner sowie Landschaftsarchitekt Reinhold Lingner unter beständiger Einflussnahme von Pieck entwickelten. 1951 wurde die Gedenkstätte der Sozialisten eingeweiht, ein Rondell entstand,  auf dessen linker Seite sich die Grabdenkmäler sozialdemokratischer Politiker befinden, während auf der rechten Seite die Urnenstätten von Politikern der ehemaligen DDR liegen.  Rund um den Gedenkstein in der Mitte sind Symbolgräber u.a.  von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Künstler und Rudolf Breitscheid angeordnet, hier ist auch das Grab von Walter Ulbricht.

Gedenkplatte für Rosa Luxemburg. Foto: Ulrich Horb
Gedenkplatte für Rosa Luxemburg. Foto: Ulrich Horb

Schon in den Jahren von 1919 bis 1933 hatte es am zweiten Januarwochenende eine Großdemo von der Frankfurter Allee  nach Friedrichsfelde  gegeben, die an die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts erinnerte. Ab 1924 stellte die KPD den Namen Lenins dem  Demonstrationszug voran und machte sie zur Lenin- Liebknecht-Luxemburg-Feier. Ab 1946 wurde die Tradition wieder aufgenommen. Während der DDR-Zeit wurde die Gedenkstätte der Sozialisten zum Ort für ritualisierte Gedenkveranstaltungen, für Aufmärsche und die Selbstdarstellung des Politbüros, seit 1949 als staatliche Veranstaltung, organisiert von der SED. Das SED-Politbüro marschierte  an der Spitze des Zuges vom S-Bahnhof Frankfurter Allee  (später vom Frankfurter Tor), an der Gedenkstätte der Sozialisten nahm es seine Plätze hinter der Ehrenmauer ein und ließ mehr als 100.000  Angehörige von Betriebs- und Parteigruppen, später auch Betriebskampfgruppen, an sich vorbeimarschieren. 1955 wurde daraus die „Kampfdemonstration zu Ehren Liebknechts und Luxemburgs“.

Gerade die Würdigung der kritischen Stimme Rosa Luxemburgs zog viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. 1988 demonstrierten DDR-Bürgerrechtler mit Transparenten, auf denen mit Luxemburg-Zitaten u.a. die Freiheit der Andersdenkenden eingefordert wurde. Die Stasi, durch Informanten vorbereitet, hatte schon im Vorfeld zahlreiche Bürgerrechtler vorgeladen und vor einer Beteiligung gewarnt. Am 17. Januar erfolgten rund 70 Festnahmen,  gut eine Woche später wurden Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Ralf Hirsch, Freya Klier, Regina und Wolfgang Templin verhaftet und ein Teil von ihnen verurteilt.

Seit 1990 führen unterschiedliche linke Gruppen, die ein durchaus  unterschiedliches Geschichts- und Demokratieverständnis mitbringen, die Tradition des Demonstrationszugs fort. Für den Erhalt der Gedenkstätte der Sozialisten setzt sich der „Förderkreis Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde e.V.“ ein, in dem Historiker aus der Linkspartei und der SPD zusammenarbeiten.  Für notwendige Restaurierungsarbeiten stellte die Lotto-Stiftung 462.000 Euro zur Verfügung, ein Wegeleitsystem entstand.  Mit kleineren Beträgen beteiligten sich auch das Landesdenkmalamt (40.000) und der Bezirk.

In der Satzung beschreibt der Verein sein Ziel: „Die ganze Anlage ist in ihrer Widersprüchlichkeit und Instrumentalisierung von Gedenken ein Dokument deutscher Geschichte, mit dem man sich auch in der Zukunft auseinandersetzen muss. Der Förderkreis will den Ort stärker in das öffentliche Bewusstsein als Gedenkstätte der deutschen Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts in ihrer Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit rücken und dazu beitragen, dass dabei auch die ideologische Inszenierung der Totenehrung an diesem Ort in der Zeit der DDR öffentlich diskutiert wird.“ Im Eingangsbereich ist eine Ausstellung zur Geschichte der Gedenkstätte und des Friedhofs mit zahlreichen biographischen Angaben zu sehen. Die Formulierungen zeigen auch die Schwierigkeiten, die die unterschiedliche Beurteilung der Vergangenheit noch heute mit sich bringt.

 

Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus. Foto: Ulrich Horb
Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus. Foto: Ulrich Horb

Ganz offenkundig werden sie bei einem kleinen Stein, 40 mal 60 Zentimeter groß, der im Eingangsbereich zur Gedenkstätte an die Opfer des Stalinismus erinnert. 2006 wurde er von Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper (SPD) und der Lichtenberger Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (Linkspartei) eingeweiht. Die kaum erkennbare Inschrift wurde von dogmatischen Linkpartei-Anhängern als „Schande“, „Provokation“ oder „Verunglimpfung“ empfunden. Dabei ist auch dies ein Teil der Geschichte der Arbeiterbewegung: die Verfolgung und Ermordung von mitunter auch nur vermeintlichen Kritikern oder Gegnern in der stalinistischen Ära.

Gerade Friedrichsfelde zeigt die Kontinuitäten und Brüche in der Arbeiterbewegung, die Vielschichtigkeit, die Irrtümer, die Auseinandersetzungen. All das wird in den unterschiedlichen Lebensläufen, aber auch im Umgang mit dem Gedenken, deutlich.

Gudrunstraße 20, 10365  Berlin
Öffnungszeiten: Feb.-Nov.: ab 7.30 Uhr; Dez./Jan.: ab 8.00 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit

www.sozialistenfriedhof.de

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